Spielzeit 2017/2018 – Junges Theater

Warten auf Geschichte

Liebe kleine und große Theatergänger, liebes Publikum des Jungen Theaters,

die kommende Spielzeit wird die letzte unter der Intendanz von Matthias Faltz sein. Doch bevor wir uns an dieser Stelle verabschieden, möchten wir euch einladen, noch einmal mit uns gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen. Was heißt es zum Beispiel, eine Geschichte zu erfinden? Wie verwandelt jemand seine Gedanken in eine uns mehr oder weniger schlüssige Erzählung? Und was passiert, wenn wir uns diese Geschichte eigentlich anders vorgestellt hätten? Was wurde vielleicht vergessen? Was würden wir anders beschreiben? Die Suche nach dem Ursprung einer Geschichte ist immer auch eine Spurensuche nach etwas, das darin vielleicht noch verborgen geblieben ist oder jemandem, der darin in Zukunft auch mal zu Wort kommen sollte. Bei dem Versuch, sich eine Welt vorzustellen, in der wir leben möchten, stoßen wir im Grunde auf ähnliche Fragen. Wir schauen auf unsere Gegenwart, entwerfen eine Zukunft, immer auch im Hinblick auf unsere gemeinsame Geschichte. Sind wir wirklich ein Teil davon? Was können wir tun, um sie mit unseren Ideen und Vorstellungen mitzugestalten? Wenn viele Menschen gleichzeitig an einer gemeinsamen Erzählung basteln, kann es zu Ungereimtheiten und zu Verwirrungen kommen. Aber es ist genau diese Spurensuche, in der wir ganz eigene Antworten finden können, Antworten, die so noch nie ausgesprochen wurden und die ein Teil dessen sind, was wir zu der Geschichte hinzuzufügen haben.
So wollen wir neben dem diesjährigen Weihnachtsmärchen, dem »Zauberer von Oz«, unsere Reise mit »Jim Knopf und Lukas dem Lokomotivführer« fortsetzen und diese Erzählung mit euch weiterspinnen. Außerdem werden wir in »elephant boy« durch Lucia, die als blindes Mädchen qua Gedankenkraft das weiße Sofa ihrer Familie in ein rotes verwandelt, einen völlig anderen Blick auf die Welt kennenlernen. Und neben unserem Klassenzimmerstück »Zuhause ist Krieg«, das die Erfahrungen eines aus Syrien geflüchteten Jungen umschreibt, wird eine weitere Stückentwicklung unseren Spielplan ergänzen: »Das Ende der Zukunft, wie ich sie kannte«.
Und nun zum Abschied: Wir haben in den vergangenen Jahren immer wieder wunderbare Post von euch erhalten. Briefe oder sogar ganze Pakete mit Bildern und Zeichnungen zu den Stücken waren darunter; Ideen und Anmerkungen oder einfach mal ein paar Grüße an uns. Einmal war sogar ein Liebesbrief dabei. Und dann waren da all die Nachgespräche, die uns immer wieder zeigten, aus wie viel unterschiedlichen Perspektiven man auf ein und denselben Sachverhalt blicken kann. So haben wir unsere Erfahrungen am Theater Marburg immer wieder mit den eurigen verknüpfen können. Man könnte also sagen, wir haben ein kleines Stück Geschichte gemeinsam geschrieben. Und dafür möchten wir allen Beteiligten mehr als herzlich danken. Es war uns eine große Ehre, für euch jedes Jahr aufs Neue einen Spielplan zu entwickeln, Themen zu durchdenken und sie auf die Bühne zu bringen und so die Welt der Fiktion mit der Welt, die wir Realität nennen, spielerisch zu überlagern.
Ob auf der Bühne oder im Zuschauerraum, im Theater begegnen wir einander. Wir sind miteinander gegenwärtig und lassen uns im besten Fall auf diese besondere Zeitlichkeit ein, genauso wie auf die Themen und Konflikte, die vielleicht nicht die unmittelbar unsrigen sind. Dafür braucht es vor allem Neugier und Phantasie. Wir hoffen, dass Ihr euch beides bewahren werdet, wünschen alles Gute für die Zukunft und freuen uns auf ein Wiedersehen im Theater!

Annette Müller und Oda Zuschneid, Leiterinnen Junges Theater