Aus der Zeit fallen

Großartig! Wissenschaft und Wirtschaft arbeiten an der Erfindung der Ewigkeit. Es werden mögliche Erbkrankheiten schon vor der Befruchtung der Eizelle ausgeschlossen, es wird an der Ausschaltung des genetischen Mechanismus des Alterns gearbeitet, die Ersatzteilmedizin produziert schon heute erste Organe mit dem Drucker und die Menschheit wird auf eine gemeinsame Linie zur Selbstoptimierung (und der ewigen Jugend) eingeschworen. Auch jedes Produkt unserer privaten und beruflichen Entäußerung wird für immer im Netz zu finden sein – die Spuren der Generation X, Y und Z sind ewig und unauslöschlich! Wir können heute blitzschnell kommunizieren, uns informieren, Wissen generieren und verschiedenste Sachen gleichzeitig erledigen. Damit wird Lebenszeit (oder zumindest die »Schaffensperiode«) verlängert. Das ist erst der Anfang. Wenn Krankheit und Alter ausgeschaltet sind, wenn wir immer mehr in kürzerer Zeit schaffen, stehen wir schon heute an der Schwelle zur Ewigkeit.
Auf der anderen Seite vermelden Statistiken einen Anstieg von Arbeitsausfällen aufgrund von Depressionen, spezifischen Phobien, Burnout oder somatoformen Störungen, die mehr oder weniger auf eine körperliche und geistige Erschöpfung zurückzuführen sind. Noch problematischer ist das vermehrte Auftreten der psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen, welche oft vorschnell mit Psychopharmaka »behandelt« werden, ohne die Ursachen zu beseitigen. Offensichtlich reagieren alle Generationen gleichermaßen mit Angst und innerer Unruhe auf die Tempoänderung in unserer Kommunikationsgesellschaft. Die Sehnsucht nach Unendlichkeit und das Bedürfnis nach unendlicher Ruhe, einem In-sich-ruhen, scheinen sich frontal gegenüberzustehen. Hier kann das Theater vermitteln! Mechanismen freilegen! Verhaltensmuster aufbrechen!
Wir werden in der Spielzeit 16/17 Stücke und Themen im Spielplan präsentieren, die sich mit unserer Wahrnehmung von Zeit, mit den kulturellen Ursachen der Rastlosigkeit und mit der positiven Seite der Faulheit beschäftigen und somit Vermittler zwischen den Fronten des eigenen Ichs werden.

Matthias Faltz