Warten auf Geschichte

Die große Erzählung des Kommunismus hat mit dem Fall der Mauer ein überraschendes Ende gefunden. Der fehlende Durchsetzungskampf scheint dem Kapitalismus den Nährboden ausgetrocknet zu haben und nun ist auch die liberale Gesellschaft als Modell grundsätzlich in Frage gestellt. Gerade löst sich das große Versprechen des geeinten Europas – Frieden, Demokratie und Wohlstand für alle – eher auf, als ein. Das Vertrauen in die sinnhafte Ordnung unserer sozialen Welt und in den Schutz ihrer Räume wird immer kleiner. Grenzenlosem Wachstum als Motor für Wirtschaft und Gesellschaft wird die Lizenz entzogen und Krisen- und Kriegsgebiete auf der Erde werden mehr, statt weniger. Das Auseinandertreiben zwischen Arm und Reich hat es als Problem schon bis in eine G-20-Gipfel-Abschlusserklärung geschafft: Die Vorteile des Wirtschafts- wachstums müssen breiter verteilt werden, um die Inklusion zu fördern, steht dort immerhin schon mal als Absichtserklärung. Der Terror hat unser Leben verändert und er scheint die Staaten zurück ins »Eigene« und Nationale zu treiben.
Das Leben in Zeiten des Kalten Krieges war nicht einfach, aber übersichtlich. Doch das Rad der Geschichte lässt sich nicht zurückdrehen. Die Welt wird erst mit einer neuen Ordnung zur Ruhe kommen, prognostizieren Soziologen und Zukunftsforscher. Das Schreiben dieser neuen Geschichte ist reizvoll, aber auch gefährlich. Die Einen haben einfache und schnelle Lösungen, die Anderen wollen das Rad neu erfinden. Da werden Pauschalisierungen bzw. Feindbilder benutzt oder die starken Männer gesucht.

Wir wollen spielerisch Abstand herstellen, Zustände analysieren, Probleme diskutieren. Das kann für Theater eine reizvolle Form und wichtige Aufgabe sein. Wir haben die Möglichkeit, mit den Inszenierungen neue oder auch alte Wege zu diskutieren und immer wieder Fragen zu stellen: Müssen sich alle einer gemeinsamen Idee unterordnen oder gibt es einen Weg der Vielfalt? Sind wir bereit, im offenen Diskurs die Welt zu gestalten oder ziehen wir uns auf eigene Erklärungen zurück? Und natürlich die alles entscheidende Frage:
Kann das Theater die Welt retten?
Diese Frage haben wir schon im Sommer 2010 großformatig an das Theater am Schwanhof gehängt, und sie bleibt weiterhin spannend. Wir suchen auch in der Spielzeit 17/18 nach Ideen und Türen für einen Weg aus der Spirale von Unsicherheit, Angst und Hass in unserer Gesellschaft und wollen weiterhin wissen, woraus die Fähigkeit zur Empathie erwächst und wann bzw. warum diese verloren geht. Zum Abschluss der Spielzeit wollen wir mit einem großen »Fest für die Gerechtigkeit« nicht nur Robin Hood als den Sieger in einem Kampf für eine gerechtere Welt feiern, sondern jeden Abend mit Ihnen vor dem historischen Rathaus ein Loblied auf das Leben, die Freiheit und – natürlich – die Liebe singen. Gedacht ist dieses Fest auch als Dankeschön an alle Unterstützer, Förderer und Sympathisanten in den acht ereignisreichen Theaterjahren, sowie als Liebeserklärung an die großartigen und wunderbaren Kolleginnen und Kollegen dieses einzigartigen Theaters.

Matthias Faltz
Intendant