Endstation Sehnsucht

Endstation Sehnsucht

von Tennessee Williams (1911-1983)

Selbsttäuschung ist das schwerste aller Übel. Denn wenn wir die Täuscher keinen Schritt fern von uns, sondern immer unmittelbar in uns haben, ist das nicht trostlos? heißt es im „Kratylos” des Platon (ca. 399 v. Chr.). Bereits die Gelehrten der Antike wussten demnach um jene unwirtliche Kluft im Menschen, die sich zwischen Idealisierung einerseits und Verachtung, mithin Selbstverachtung, andererseits auftut.

Blanche Du Bois, aufgewachsen in wohlhabenden Verhältnissen, verliert auf scheinbar unerklärliche Weise das Familienanwesen und ihre Anstellung als Lehrerin. Sie flüchtet sich zu ihrer Schwester Stella nach New Orleans, die inzwischen mit dem polnischen Arbeiter Stanley verheiratet ist. Anfangs gelingt es Blanche, die Behauptung aufrecht zu erhalten, dass sie vorübergehend beurlaubt sei. Doch bald schon schwelen zwischen ihr und ihrem Schwager erste Konflikte. Blanche begegnet einer Welt, die ihr zuwider ist: Bescheidene Verhältnisse und raue Sitten herrschen vor. Stanley indes nimmt Anstoß an ihrer überheblichen Art und beginnt, ihre Geschichte anzuzweifeln. Noch während sich Blanche in Sicherheit wähnt und ein unbeschadeter Neuanfang mit dem schüchternen Mitch möglich scheint, holt Stanley bereits Erkundigungen über sie ein, die ein unheilvolles Ende ahnen lassen. Bis zuletzt hält Blanche an puritanisch-bürgerlichen Werten wie Sittlichkeit, Bildung und Hygiene fest, während sie Stanley für seine sexuelle Freizügigkeit und obszönen Anspielungen verabscheut. Stella hat diese Werte in Blanches Augen jenen promiskuitiven Verhältnissen geopfert.

Zu Zeiten Tennessee Williams’ ließ sich die Gegenüberstellung von Blanche und Stanley als Sinnbild für den Untergang der Südstaatenaristokratie deuten, die auf die nach oben drängende Arbeiterschicht prallte. Aus diesem radikalen Gegensatz zwischen der Freiheit, welche sich Stella allmählich erkämpft, und Blanches Hingabe an ein überholtes Ideal bezieht das Stück seine Aktualität.

Fernab vom Alltag, in lang gehegten Traumwelten, finden Menschen wie Blanche zeitweise Obhut. Im Halbschatten, wo sie – nahezu unbesehen – ihr Leben in ein anderes Licht rücken, können sich Selbsttäuschung und Illusion für kurze Zeit entfalten. ,Zwiedenken’ nannte George Orwell in „1984” jene Gabe, zwei einander widersprechende Ansichten zu hegen und beide gelten zu lassen. […] Das Verfahren muß bewußt sein, sonst würde es nicht mit genügender Präzision ausgeführt werden, es muß aber auch unbewußt sein, sonst brächte es ein Gefühl der Falschheit und damit der Schuld mit sich. […] Das Vorhandensein einer objektiven Wirklichkeit zu leugnen und die ganze Zeit die von einem geleugnete Wirklichkeit in Betracht zu ziehen – das ist unerläßlich notwendig […], wobei die Lüge der Wahrheit immer um einen Sprung voraus ist. Bis die Obdachlosigkeit der Gefühle alle sorgfältig kaschierten Trugbilder freilegt.

Mit freundlicher Genehmigung der University of the South, Sewanee, Tennessee. Aufführungsrechte: Jussenhoven & Fischer.


Premiere 02.02.2013

Regie

Roscha A. Säidow


Bühne

Julia Plickat


Kostüme

Julia Plickat


Musik

Bernhard Range


Dramaturgie

Eva Bormann



Besetzung

Marcel Franken, Timo Hastenpflug (a.G.), Johannes Hubert (a.G.), Felix Maier (a.G.), Franziska Knetsch (a.G.), Annette Müller, Christine Reinhardt, Gerard Skrzypiec (a.G.), Oda Zuschneid


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