The Black Rider -
The Casting of the Magic Bulletsvon Tom Waits (*1949), Robert Wilson (*1941) und William S. Burroughs (1914-1997)
Wilhelm ist Buchhalter beim Förster und liebt die Tochter seines Chefs. Will er Schwiegersohn und Thronfolger im Forsthaus werden, muss er ein guter Schütze sein. So verlangt es der Brauch und Käthchens Vater pocht auf die Traditionen. Voller Ehrgeiz versucht Wilhelm, die Erwartungen zu erfüllen, trainiert eifrig das Schießen, landet jedoch nur Fehlschüsse. In seiner Not flieht er in eine nächtliche Halbwelt und greift nach dem verlockenden Angebot des Stelzfußes, ihm Zauberkugeln zu verschaffen. Sechs Kugeln sollen Wilhelm gehorchen, den Lauf der siebten Kugel bestimmt der Teufel. Das Unglück nimmt seinen Lauf, Wilhelm tötet seine Braut und endet selbst im Irrenhaus.
Nach Webers „Freischütz“ wurde die deutsche Volkssage des Schwarzen Reiters 1990 mit „The Black Rider“ auch für die Musicalbühne adaptiert. Robert Wilson, Tom Waits und der Beat-Autor William S. Burroughs entwerfen eine dämonisch-skurrile Allegorie über den modernen Menschen: seine Maßlosigkeit, seine Entfremdung von der Natur, seine Untreue zu sich selbst und sein Verhältnis zum Bösen, Schmutzigen und Teuflischen.
Die einzigartigen Räume für dieses surreale Gruselstück werden von den Lichtdesignern René Liebert und Andreas Mihan konzipiert, die am Institut für Angewandte Theaterwissenschaft Gießen studierten und als Mitglieder einer neuen Künstlergeneration bereits das Bab al Yemen (Tor des Jemens 2007), eigene Installationen auf der Luminale08 in Frankfurt und das Schloss Solitude (2009) in ein besonderes Licht rückten.
„Tout swaz ir welt“ – Tom Waits und seine Musik zum „Black Rider“
von Justus Noll
Geschichten müssen in Bildern erzählt werden, verlangte Robert Wilson. Bilder! Nicht „Les mots“ von Sartre, nicht die Worte der schauer-romantischen Autoren des „Freischütz“, auch nicht die Texte von William S. Burroughs sind gemeint. We don’t have to double that, erklärte Wilson im Herbst 1989 dem Ensemble des Thalia-Theaters beim ersten Arbeitsgespräch zur Uraufführung in Hamburg, beobachtet von einem Kamera-Team des WDR. Worte können wie Klänge, Wolken oder Träume über den Bildern schweben, meinte Wilson. Und: Gegenüber dem Text ständen die Songs für eine wesentlich ‚präzisere‘ Situation. Die Handlung bleibt stehen, wenn ein Song sich auf eine Stimmung konzentriert.
Burroughs lieferte eine Materialsammlung von Cut-Ups, an der sich Tom Waits bereits in Amerika bedient hatte. Vom geplanten Musical, frei nach dem deutschen Opern-Epos „Freischütz“, einer Idee Wilsons, gab es zu Probenbeginn nur den Rahmenplan. Als Anfang hat man sich auf ein Ur-Klischée geeinigt. Ein „Zirkusdirektor“ tritt auf, der die merkwürdigen Kreaturen des Stückes in der Manege vorführt – wie in Tod Brownings Film „Freaks“, Bergs „Lulu“ und Kander-Ebbs „Cabaret“. Auf den „Welcome“-Song aus „Cabaret“ spielt Waits „Black-Rider“-Song ganz direkt an. Für „I’ll Shoot The Moon“ könnte „Ich hab getanzt heut Nacht“ Pate gestanden haben – Tom Waits ist nicht wählerisch, wenn er etwas Passendes gefunden hat. Anything Goes. Dass sein Instinkt richtig und publikumswirksam war, zeigte sich auch bei der Uraufführung, wo er den „Black-Rider“-Song als Höhepunkt beim Schlussapplaus sang. Waits’ CD-Produktion von „The Black Rider“ beweist die Eigenständigkeit dieser Musik, die nichts verdoppelt.
Waits mag ein unkonventioneller Typ sein, unamerikanisch ist er nicht. Unkonventionell sind auch nicht seine Balladen. Nicht die gelegentlich an Orff, Weill oder Strawinski gemahnenden flotten und spritzigen Instrumentalzwischenspiele.
Originell und neuartig im Musical sind vielmehr die ausgedehnten ‚Soundscapes‘, Klanglandschaften aus Einspielungen, Synthesizer-, Elektronik- und Instrumental-Klängen wie „Gospel-Train“ oder „Oily Night“. Sie erzeugen Bilder fürs Ohr, Hörbilder, die selbständig oder notwendig ergänzend neben die Licht-, Sprach- und Bewegungsbilder treten und über oder unter ihnen zu schweben scheinen.
Der Marburger Musikwissenschaftler Dr. Justus Noll wirkte als Musikredakteur beim SWF und hat als Komponist zahlreiche Kammermusik- und Bühnenkompositionen geschrieben. Er arbeitet heute als freier Autor und Journalist.
„Marburg: Neuer Theater-Chef mit frischen Ideen“ Quelle: © hr | hessenschau, 16.09.2010, ab 23:57 Minuten
Premiere 18.09.2010
nächste Termine31.05.2012, 19.30 - 20.50 Uhr, Karten
Regie
Musikalische Leitung
Lichtdesign
Andreas Mihan, René Liebert
Kostüme
Dramaturgie
Annelene Scherbaum
Musiker
Jakob Bussmann (a.G.), Sven Demandt (a.G.), Jens Dörr (a.G.), Johannes Eimermacher, Andreas Jamin (a.G.), Beata Jatzkowski (a.G.), Sarah Mehlhart (a.G.), Juliane Wurth (a.G.)
Besetzung
Moritz Fleiter (a.G.), Jürgen H. Keuchel, Franziska Knetsch, Daniel Matheus (a.G.), Sven Mattke, Gergana Muskalla, Sebastian Muskalla, Oliver Schulz, Anja Signitzer (a.G.), Ramona Suresh (a.G.), Tobias M. Walter, Oda Zuschneid