Don Karlos

Don Karlos

von Friedrich Schiller (1759-1805)

Am Hof des spanischen Königs Philipp II. herrscht Friedhofsruhe. Um ihn herum webt sich ein Netz von Intrigen und Liebesgeschichten: Marquis Posa versucht, den Kronprinzen Karlos für die Befreiung der Niederlande zu gewinnen. Karlos liebt seine Stiefmutter Elisabeth. Gräfin Eboli liebt ihrerseits Karlos, wird von ihm jedoch zurückgewiesen. Aus Rache berichtet sie dem Vater von den quasi-inzestuösen Gefühlen des Sohnes. Voller Wut beschließt der König, Frau und Sohn umzubringen.


Schiller, Posa, Zhào Jìng

von Alexander Leiffheidt

Militärische Pflanzschule – kein gartenbauliches Institut, sondern eine Zuchtanstalt für die zukünftigen Führungseliten des Herzogs Karl Eugen von Württemberg. Wecken um 5 Uhr, Frühappell, Händefalten zum Gebet. Auf Kommando.

Dass Foucault über Bentham geschrieben hat und nicht über dieses Panoptikum, ist erstaunlich: in der „Hohen Karlsschule“, wie sie bald nach ihrer Gründung genannt wurde, präsentiert sich die Entfaltung der Disziplinargesellschaft an der Schwelle zum 19. Jahrhundert in unverstellter Form. Jede Tür hat ein Guckloch: das Auge des allerhöchsten Vaters, allgegenwärtig.

Mit 14 Jahren wird Friedrich Schiller eingezogen in die Eliteakademie, mit 21 entlassen. Dem Disziplinierungsregime des Herzogs ist er damit noch lange nicht entkommen. Erst nach der Flucht ins thüringische ,Ausland’ beginnt, drei Jahre später, die Arbeit an „Don Karlos, Infant von Spanien“.
[Ich will] es mir in diesem Drama zur Pflicht machen, in Darstellung der Inquisition, die prostituirte Menschheit zu rächen, und ihre Schandfleken fürchterlich an den Pranger zu stellen, schreibt Schiller 1783. Zur Uraufführung 1787 streicht er allerdings von sich aus alle Stellen an, die der Zensur willen weggelassen werden können. Höflich fragt er seinen Intendanten, ob er sich im Punkte des Catholicismus, der Geistlichkeit und der Inquisition einige Freiheiten erlauben dürfe. Die Antwort des Theatermachers: nein. Die Disziplinierungen machen nicht halt an den Mauern der Karlsschule: keine Gedankenfreiheit, nirgends.

Gedankenfreiheit – Posas Forderung an Philipp, Schillers Schulterschluss zu den Aufklärern. Wage, für dich selbst zu denken, fordert Captain Boldmind 1764 in Voltaires „Dictionnaire“. Was soll uns heute noch eine solche Forderung? Als Möglichkeit, sich des eigenen Verstandes ohne Einflussnahme anderer zu bedienen, ist Gedankenfreiheit ein Rechtsprinzip bürgerlicher Selbstbestimmung. In unsere säkularen Hirne äugt aber längst kein Großinquisitor mehr, und für alles andere garantiert, so sollte man meinen, Artikel 18 der Menschenrechte. Schillers berühmte Zeile: Problem gelöst, Text gestrichen?

Cäsar sagte: Ich kam, sah und siegte. Ich sage: Ich widersetze mich, ich breche durch, ich gewinne. So spricht ein anderer Experte in Sachen Machtmaschinen: Zhào Jìng, Blogger und kritischer Journalist aus China. Die Tage Chinas als Propagandastaat seien gezählt, vertraut Zhào den westlichen Medien an. Früher oder später wird er Recht behalten. Doch was genau bedeutet das? Glaubt man Zhào, so zeigt sich bereits seit Jahren in der Volksrepublik ein interessantes Phänomen: In demselben Maße, in dem die persönlichen Freiheiten wachsen, schrumpft das Interesse der Bevölkerung an politischer Freiheit. Nur sehr sonderbare Menschen kämpfen noch für politische Rechte. 95% ist die Zensur egal, berichtet Zhào. Wenn niemand mehr die Frage nach Gedankenfreiheit stellt, verschwinden auch die Zensoren. Nicht aber die Zensur: Aus ihr entwickelt sich eine dispersive Form gesellschaftlicher Kontrolle, die nirgends verortet und doch immer präsent ist.

Seit den Tagen der „Hohen Karlsschule“ haben sich in unseren Gesellschaften die Regimes der Disziplinierung bis zur Unsichtbarkeit und Allgegenwärtigkeit verfeinert. Der Entkörperlichung der Strafe entspricht die der Methoden der Disziplinierung und Überwachung. Es sind ja Ketzer, die man brennen sieht: Der am Tode des Delinquenten ausgerichteten Souveränitätsmacht und Staatsgewalt eines Philipp steht heute ein polyzentrisches Geflecht von Machtbeziehungen gegenüber, dessen Strukturen weniger auf Repression als auf Normisierung des Individuums, auf die Produktion eines kontrollierten, an- und eingepassten Normalbürgers abzielen.

In diesem Sinne ist Posas Forderung nach Gedankenfreiheit alles andere als unproblematisch. Nicht, weil sie uns ohnehin schon sicher wäre, sondern weil auch wir sie allzu leicht mit unseren persönlichen Freiheiten verwechseln – weil zudem dieselben Strukturen, die sie uns rechtsstaatlich garantieren, zugleich zu Produktionsmechanismen einer ubiquitären Normalisierung und Kontrolle geworden sind. Every day is a school day: Die Regimes der Disziplinierung sind der Pflanzschule entkommen und uns zur Welt geworden.

Schillers Familientragödie entfaltet sich in einem von Macht und Politik durchdrungenen Raum, in dem die Domänen von Individuum und Staat, öffentlicher und privater Disziplinierung sich überschneiden, ja gar deckungsgleich werden. Wir erkennen in der Karlsschulen- Welt die Spuren unserer eigenen. Und eine Frage, die auch Zhào stellen könnte: Wie geben wir uns Gedankenfreiheit?


Premiere 10.09.2011

Regie

Roscha A. Säidow


Bühne

Paul Faltz


Kostüme

Jelena Miletić


Musik

Bernhard Range


Dramaturgie

Alexander Leiffheidt



Besetzung

Annette Müller, Christine Reinhardt, Franziska Knetsch, Johannes Hubert, Jürgen H. Keuchel, Sebastian Muskalla, Sven Mattke, Tobias M. Walter, Agnieszka Habraschka


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